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"SAG’S EINFACH!" ein Wochenende für politikinteressierte Jugendliche (24.-26.04.2009)

Rio Reiser kennen die 25 Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren nicht mehr, jedoch seinen Song "König von Deutschland" aus den 1980er Jahren. Und sie hatten jede Menge Ideen, was sie unternehmen oder wofür sie ihr Königreichreichtum verwenden würden, "...wenn ich König von Deutschland wär."

 


Diese spielerische Runde diente dem Kennen lernen der Kursteilnehmer aus dem Eichsfeld, aus Erfurt, Jena, Sömmerda und Weimar. Bereits bei diesem Kennen lernen wurden von den potentiellen Königinnen und Königen politisch interessante Vorhaben angesprochen. Sie würden Konflikte ohne Krieg lösen, durch eine Popcorn-Fabrik die Konjunktur ankurbeln, einen verpflichtenden Freiwilligendienst einführen, mit einem königlichen Jugendhaus außerschulische Bildung fördern oder insgesamt für mehr Verantwortung und Solidarität untereinander sorgen.

"Bildung", "Familie", "Gesundheit", "Kultur", "Sicherheit" und "Wirtschaft" bildeten die sechs Themenbereiche, die gleichzeitig Politikfelder darstellen, die aus jugendlicher Sicht für das Leben in einer Gesellschaft interessant und relevant sind.


Deshalb wurden die sechs Themenbereiche mit Hilfe von Bildern, Artikeln und Slogans aus Zeitungen und Zeitschriften in ihrer öffentlichen bzw. veröffentlichten Meinung genauer unter die Lupe genommen, Collagen gefertigt, die jeweils markantesten Aspekte markiert und sich als Kleingruppe dazu positioniert. Dabei äußerten die jungen Menschen Sorge um die Zukunft von Betrieben und Unternehmen wie Opel Eisenach, um die Zukunft von Familien, die als "Keimzelle der Gesellschaft" bezeichnet, jedoch nicht ausreichend gefördert werden, dass viel über Schule und wenig über die Schülerinnen und Schüler diskutiert wird oder dass christliche Traditionen gefährdet sind.


Weiterführend analysierten die Jugendlichen die Themenbereiche als Politikfelder unter der Fragestellung, was alles zum jeweiligen Politikfeld dazu gehört und wo überall dies auf unterschiedlichste Weise stattfindet.

Mit dieser Analyse als Background fanden sich die Kursteilnehmer am Samstag in Themeninteresse zusammen und formierten sich als Lobbyistengruppe für die einzelnen Politikfelder.

 

 

 

Gemeinsam standen sie vor der Aufgabe, das Tohuwabohu in "Chaos-Stadt" so zu gestalten, dass die ca. 20.000 Einwohner unterschiedlichster Lebensaltersgruppen ideal versorgt sind. Dies musste geschehen, in dem die Lobbyisten Zweckgebäude gemäß Altersgruppen und Bedürfnissen bauten. Bewusst wurde dabei die verfügbare Baufläche knapper gehalten als es für eine ideale Bebauung notwendig gewesen wäre.

 


Nach der Planungsphase waren die Lobbyisten gefordert, durch Bauprämien in Millionenhöhe zusätzlich stimuliert, ihre Gebäudevorschläge argumentativ einzubringen und zu vertreten, denn ein Gebäude durfte erst dann gebaut werden, wenn es die mehrheitliche Zustimmung der Versammlung bekam. Verschärft wurde die Diskussion, als der Bauplatz nicht mehr für die noch beabsichtigten Gebäude ausreichte. Neuerliches Tohuwabohu in "Chaos-Stadt" entstand, denn nun musste mit Argumenten und mit den Millionen der Bauprämien verhandelt werden, welche der bereits gebauten Gebäude wieder platt gemacht werden, um ein noch beabsichtigtes Gebäude zu errichten.

Nach Ablauf der Spielzeit (mit Verlängerung) zeigte sich, dass die Wirtschafts-Lobbyisten die meisten Gebäude durchgebracht hatten, gefolgt von den Lobbyisten der Bildung, danach gleichauf Familie, Gesundheit und Sicherheit, zum Schluss die Kultur-Lobbyisten.

Dieses Ergebnis war allerdings lediglich ein Zwischenergebnis. Unter den Lobbyisten wurde ein weiteres Tohuwabohu in "Chaos-Stadt" provoziert. Jeder Lobbyist musste Bewohner von "Chaos-Stadt" werden, bekam eine konkrete Lebenssituation zugelost und hatte  kritisch einzuschätzen, ob er in "Chaos-Stadt" ideal versorgt ist. Gut zwei Drittel der Bewohner von "Chaos-Stadt" fanden sich ideal bzw. akzeptabel versorgt, knapp ein Drittel stellte fest unterversorgt oder sogar vollständig unberücksichtigt zu sein.

 


Mit diesem Fazit setzten sich die Bewohner von "Chaos-Stadt" in Lebensaltergruppen zusammen und formulierten Erwartungen an ihre Politikerinnen und Politikern, dass:


- kindgerechte Spiel- und Bewegungsflächen bei Bauvorhaben gesetzlich vorgeschrieben werden
- die Anzahl an Bibliotheken gerade für Kinder und Jugendliche ausgeweitet wird
- sichere Fahrradstellplätze in Schulen errichtet werden
- ein bundesweit einheitliches Abitur eingeführt wird
- kostenlose Kinderbetreuungsplätze mit längeren Öffnungszeiten zur Verfügung gestellt werden
- Neuverschuldung vermieden wird
- private und berufliche Weiterbildungen finanziert werden
- alle Menschen über eine ausreichende staatliche Grundrente verfügen

Das Tohuwabohu in "Chaos-Stadt" war geordnet, nicht total ideal, nicht ohne Kompromisse, nicht ohne Nachbesserungsbedarf und auch nicht immer mit Spaß. Dieser sollte am Abend garantiert sein, denn gemeinsam und ohne Lobbyabsichten startete ein geselliger Spiele-Casino-Abend.

Selbstverständlich gehörte zum Wochenende ein gemeinsamer Gottesdienst am Sonntag, zumal eines der ersten und unstrittigsten Gebäude in "Chaos-Stadt" die Kirche "Zu den heiligen 14 Nothelfern" war. Nach der Kirche ging es nicht zum Frühschoppen in die Kneipe (hatte keine Lobbyistengruppe überhaupt auf der Rechnung), sondern zur Bürgerversammlung: Feedbackrunde. Einstimmig fiel das Urteil aus, dass ein schwieriges Thema beackert wurde, dass sich dies anfangs nur zäh bearbeiten ließ, aber dass gemeinsam ’ne Menge geschafft wurde.

 

Autor: Tobias Kube